Den Spieß umdrehen – Plädoyer für einen egozentrischen Sprachgebrauch

In der aktuellen EMMA Ausgabe 1/19 (Januar/Februar) und im entsprechenden Online-Artikel plädiert Sprachwissenschaftlerin Luise F. Pusch für das generische Femininum. «Bei dem Kampf gegen sexistische Sprache, wie wir ihn seit bald 50 Jahren führen, geht es um die Rechte der Frauen. Sie sind die Mehrheit der Bevölkerung, werden aber durch das so genannte generische Maskulinum effektiv unsichtbar gemacht: 99 Sängerinnen und ein Sänger sind auf Deutsch zusammen 100 Sänger», schreibst sie dazu. Mit dem generischen Femininum soll der Spieß jetzt umgedreht werden. Andere Lösungen kommen dabei nicht in Betracht. Über Gendergap und Genderstern schreibt Pusch: «Derartiges Holperdeutsch erbost verständlicherweise die Sprach­gemeinschaft und bringt sie auf gegen die gut­gemeinten Reformvorschläge […] Sie [die Sprachgemeinschaft] muss akzeptieren, dass nunmehr das Femininum das Maskulinum einschließt und mitmeint. Das Femininum enthält ja auch sichtbar das Maskulinum: Lehrer ist in Lehrerin deutlich enthalten. Das Femininum ist die Grundform, das Maskulinum die Schwundform.» Erstaunlich, dass ausgerechnet Pusch das Wohlbefinden einer Sprachgemeinschaft derart am Herzen liegt, obwohl sie selbst mit ihrem „verrückten Pusch-Vorschlag“ Ende der 80er/Anfang der 90er Jahre ebendiese in Aufruhr brachte.

Das generische Femininum ist genauso diskriminierend
Sexistischer Sprachgebrauch bedeutet eine sprachliche Diskriminierung aufgrund des Geschlechts. Wenn ich eine gemischte Gruppe nicht mehr mit dem generischen Maskulinum anspreche, sondern neu das generische Femininum gebrauche, dann ist diese Form nicht weniger diskriminierend. Es ist schon lange wissenschaftlich erwiesen, dass kaum jemand an andere außer Männer denkt, wenn von „Studenten“ und „Professoren“ gesprochen wird. Ich wage zu behaupten, dass auch ein tausendjähriger Gebrauch der femininen Form nicht dazu führen würde, dass sich alle angesprochen fühlen, obwohl Pusch erklärt:  «Das Femininum enthält ja auch sichtbar das Maskulinum: Lehrer ist in Lehrerin deutlich enthalten. Das Femininum ist die Grundform, das Maskulinum die Schwundform.» Selbst, wenn sich Männer eines Tages mit dieser Form abfinden könnten, bleibt eine Gruppe weiterhin benachteiligt: die Gruppe von Menschen, die sich weder als weiblich noch als männlich definieren. Die sind nun wirklich nicht sichtbar und deutlich enthalten. Wenn wir den Ergebnissen der europaweiten Umfrage von 2016 Glauben schenken wollen, welche von Dalia Research (Berliner MFI) durchgeführt wurde und bei welcher 12.000 Menschen aus Europa befragt wurden, identifizieren sich 6 Prozent als LGBT+. Bei einer Population von aktuell 8.372 Mio. Menschen, die in der Schweiz leben, ist davon auszugehen, dass etwas mehr als eine halbe Million sich als LGBT+ identifiziert. Hier kann eindeutig nicht von einer unbedeutenden Minderheit gesprochen werden.

Reflexives Maskulinum, Femininum und Enby
Vielleicht sollten wir anfangen, über einen Sprachgebrauch nachzudenken, der mehr über uns als über unser Gegenüber aussagt. Dann wäre der Spieß wirklich umgedreht. Dass wir anderen Menschen ein bestimmtes Geschlecht aufgrund welcher Indizien auch immer zuschreiben und unsere Annahmen auch noch mitteilen, ist eine Zumutung und übergriffig. Die deutsche Sprachgemeinschaft benötigt einen Sprachgebrauch, der – wenn überhaupt nötig – das Geschlecht des Menschen ausdrückt, der sich äussert. Damit ließe sich Misgendering beispielsweise gänzlich verhindern. Aber wie könnte ein solcher Sprachgebrauch konkret funktionieren?

Angenommen, ich begrüsse vormittags meine Wandergruppe.

„Guten Morgen, liebe Freundinnen!“ -> Bedeutet: Ich empfinde mich als weiblich. Die Form wäre kein generisches Femininum, sondern ein „reflexives Femininum“.

„Guten Morgen, liebe Freunde!“ -> Bedeutet: Ich empfinde mich als männlich. Die Form ist kein generisches Maskulinum, sondern ein „reflexives Maskulinum“.

„Guten Morgen, liebe Wandergruppe/Wanderfreudige!“ -> Bedeutet: Ich empfinde mich als non-binär. Die Form könnte als ein „reflexives Neutrum“ oder „reflexives Enby“ bezeichnet werden.

In allen drei Beispielen mache ich keine Aussage über die Konstellation der Gruppe. Es ist irrelevant, ob neun Frauen und ein Mann, oder neun Männer und eine Frau, oder sechs Non-Binäre, zwei Frauen und zwei Männer etc. vor mir stehen.

Angehörige öffentlicher Institutionen wären beispielsweise verpflichtet, in der externen Kommunikation das reflexive Enby zu benutzen, weil Institutionen kein Geschlecht haben.

Mit dieser Lösung:

  • müsste sich niemand ausgeschlossen fühlen, weil die vom Gegenüber benutzten Formen reflexiv sind
  • würden Frauen sichtbar werden
  • würden Non-Binäre sichtbar werden
  • wäre keine Privatperson, die sich als Frau oder Mann versteht, gezwungen, sich mit dem von Luise F. Pusch bezeichneten „Holperdeutsch“ auszudrücken (und ich distanziere mich an dieser Stelle ausdrücklich von diesem Begriff)

Der Vorschlag ist ein erster Entwurf und noch in der Entwicklung. Konstruktive Kritik ist erlaubt und erwünscht.